Kratzers provokante Schumann-Inszenierung spaltet die Hamburger Staatsoper
Conrad PechelKratzers provokante Schumann-Inszenierung spaltet die Hamburger Staatsoper
Die Hamburger Staatsoper hat mit einer mutigen Neuinszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri für Furore gesorgt. Regie führte Tobias Kratzer, der damit sein Debüt als neuer Intendant des Hauses gab. Das Oratorium verbindet ein orientalisches Märchen des 19. Jahrhunderts mit scharfsinnigen modernen Themen – und spaltete bei der Premiere das Publikum: Einige buhten, die meisten jedoch spendeten begeisterten Applaus.
Im Zentrum der Handlung steht Peri, ein engelhaftes Wesen, das auf der Suche nach einem Geschenk ist, das ihr die Tore des Paradieses öffnen soll. Kratzer deutet die Erzählung in seiner Inszenierung radikal um und zieht dabei provokante Parallelen zur Gegenwart. Die Kriegsszenen zeigen ganz normale Menschen von heute, die von einem weißen Hetzer manipuliert werden. Ein prägnanter Moment zeigt einen sterbenden schwarzen Jugendlichen, der sich dem Anführer widersetzen – eine bewusste Abkehr von Schumanns Originaltext.
Besonders deutlich wird der zeitgenössische Bezug im dritten Akt, der sich explizit mit der Klimakrise auseinandersetzt. Kinder spielen unter einem gigantischen, qualmenden Industrieschlot – ihre Unschuld kontrastiert mit der umgebenden Verschmutzung. Kratzer bricht dabei bewusst mit theaterüblichen Konventionen: Er inszeniert Szenen mitten im Publikum, nutzt Licht und Live-Kameraübertragungen, um seine gesellschaftskritischen Botschaften zu unterstreichen. Ein besonders eindringliches Bild entsteht, als die Sopranistin Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri über die Zuschauerreihen klettert und sich neben eine weinende Zuschauerin setzt – eine Geste, die Empathie als Schlüssel zum Paradies symbolisiert.
Die Produktion markiert Kratzers erstes großes Projekt seit seinem Amtsantritt als Intendant der Hamburger Staatsoper für die Spielzeit 2025/26. Gemeinsam mit Dirigent Omer Meir Wellber bezog er den Chor aktiv in das Bühnengeschehen ein, statt ihn lediglich als Hintergrund zu nutzen. Zwar bleibt unklar, wie genau die Inszenierung Bezüge zur Pandemie oder anderen Krisen herstellt, doch das künstlerische Team betont, die Oper stärker für die vielfältigen Stadtgemeinschaften Hamburgs öffnen zu wollen.
Die gespaltene Reaktion auf die Premiere – zwischen Buhrufen und Jubel – spiegelt den provokativen Charakter der Inszenierung wider. Kratzers Vision für die Hamburger Staatsoper sieht eine tiefere Verbindung zur urbanen Gesellschaft vor. Seine erste Arbeit lässt erwarten, dass künftige Produktionen ebenfalls Tradition mit drängenden Gegenwartsthemen verbinden werden. Mit Das Paradies und die Peri hat er jedenfalls einen klaren Kurs für seine Intendanz vorgegeben.






